Martin-Gauger-Preis
 

 

 

4. Preis:

Gymnasium CJD Christophorusschule Königswinter

 

Auszug aus den Beiträgen:

 

Text des Beitrages:


Gibt es ein Recht darauf, nicht arm zu sein?

Lucas Viesel, Jannik Beckonert, Moritz Klein

Was sagt das Gesetz?

Bei näherer Betrachtung der juristischen Lage wird schnell deutlich, dass ein solches Recht existiert, nämlich im Sozialpakt der Vereinten Nationen, welcher auch von Deutschland anerkannt wird. Denn in Artikel 6 (1) dieses Pakts heißt es: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht auf Arbeit an, welches das Recht jedes einzelnen auf die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt durch frei gewählte oder angenommene Arbeit zu verdienen, umfasst, und unternehmen geeignete Schritte zum Schutz dieses Rechts." Dieser Artikel sollte jedem Menschen das Recht garantieren, für seine finanzielle Situation selbst verantwortlich zu sein. Man kann allerdings nicht von einem allgemeinen Schutz vor Armut zu sprechen, da es als Recht für Einzelpersonen, nicht als Pflicht für den Staat, zu sehen ist. Dieser wird jedoch in Artikel 9 zum sozialen Schutz des Bürgers aufgefordert:
,,Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf Soziale Sicherheit an; diese schließt die Sozialversicherung ein. "
Aufgrund dieser Gesetzespassagen ist klar zu erkennen, dass jeder Mensch das Recht hat nicht arm zu sein. Darüber hinaus muss der Staat dafür sorgen, dassjeder Bürger sicher von diesem Gesetz Gebrauch machen kann, sowie auch ein zum sozialen und humanen Leben notwendiges finanzielles Fundament hat.

Was ist Armut?
Im Grunde genommen kann man Armut in zwei Kategorien unterteilen: absolute und relative Armut. Die relative Armut wird im Vergleich zum gesellschaftlichen Umfeld ermittelt, die absolute Armut hingegen wird als ein nicht würdevoller Zustand am Rande der Existenz definiert.
,,Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Amen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt. " - Robert Strange McNamara, ehemaliger Präsident der Weltbank.

Wie sieht es in Deutschland aus?
Im Bezug auf die oben genannten Definitionen kann man durchaus annehmen, dass die relative Armut gemeint ist, wenn in Deutschland von Armut die Rede ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat zur Bestimmung dieser relativen Armut festgelegt, dass ein Mensch mit einem Einkommen von unter 50% des Durchschnitts als Arm gilt. Die EU sieht ein Einkommen von weniger als 60% als Armutsgrenze an. In Deutschland liegt dieser Wert also bei 7646.

Was ist mit sozialen Sicherungssystemen?
In Deutschland wird staatlich abgesichert, dass kein Bürger in absolute Armut
verfällt. Hierzu werden finanzielle Mittel bereitgestellt.Nun stellen sich jedoch einige Fragen, vor allem: Reicht das als Absicherung? Im Absatz 1 des ersten Artikels des Grundgesetzes heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.". Auf Grund dieses so fundamentalen Grundsatzes des Deutschen Staates wird deutlich, dass es die Aufgabe des Staates ist, jegliche Armut in Deutschland zu bekämpfen. In Artikel 6 (2) des Sozialpakts der Vereinten Nationen wird darüber hinaus folgendes gesagt: „Die von einem Vertragsstaat zur vollen Verwirklichung dieses Rechts zu unternehmenden Schritte umfassen fachliche und berufliche Beratung und Ausbildungsprogramme sowie die Festlegung von Grundsätzen und Verfahren zur Erzielung einer stetigen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung und einer produktiven Vollbeschäftigung unter Bedingungen, welche die politischen und wirtschaftlichen Grundfreiheiten des einzelnen schützen. "
Aus diesen Richtlinien geht hervor, dass die Aufgabe des Staates nicht nur darin besteht, das Leben der Bürger finanziell abzusichern, sondern auch die Bürger in der Ausübung ihres Rechtes zu unterstützen. Diese Forderungen sind sinnvoll, da sie einen produktiven Weg im Kampf gegen Armut darstellen. Man könnt dies folgendermaßen begründen: Eine finanzielle Hilfe, die über der von der EU bestimmten Armutsgrenze läge, ist mit den gegebenen Ressourcen nicht möglich. Daraus folgt, dass der einzige Weg die Armut effektiv zu bekämpfen darin besteht, einerseits zwar weiterhin ein finanzielles Fundament zu gewährleisten, darüber hinaus dieses aber mit bildenden bzw. fördernden Maßnahmen zu unterstützen und sorriit zu erweitern. Diese Maßnahmen könnten, wie es der Sozialpakts vorsieht,
Beratungsstellen aller Art, aber auch stärker subventionierte Ausbildungsprogramme sein. In Absatz 6 des Sozialpakts wird ebenfalls gefordert, die Grundfreiheiten, welche das Recht auf Arbeit beinhalten, zu schützen. Die Aufgabe des Staates sollte diesbezüglich sein, den einzelnen Bürgern unter anderem dieses Recht bewusst zugänglich zu machen. So könnte auf Dauer eine geringere Anzahl von Hilfsbedürftigen erreicht werden und damit auch ein effektiveres Sozialsystem gewährleistet werden.

Grundlegende Gedanken zum Bild
Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich das Bild eher mit den sozialen Folgen von Armut befasst, aber auch die Komplexität der Problematik aufzeigen soll. Im Vordergrund kann man einen Baum und sechs Personen zu erkennen. Im Hintergrund befinden sich sechs Säulen. Diese sechs Säulen sollen rriit ihrer blauen Färbung zum einen den Himmel der Landschaft darstellen. Auf der Deutungsebene haben sie aber eine weitere Bedeutung: Man kann die Säulen auch als die Balken eines Diagramms sehen. Auffällig dabei ist, dass der mittige Balken bedeutend niedriger ist als die Anderen. In diesem Fall können die Säulen also auch ein finanzielles Niveau symbolisieren, wobei die Aussicht auf Verbesserung bei diesem Balken am düstersten ist, zu erkennen an der dunklen Hintergrundfärbung über ihm. Die Anzahl von insgesamt sechs Säulen ist bewusst gewählt und soll auf den Tatsache hinweisen, dass jeder sechste Bürger in Deutschland von Armut bedroht ist. Man könnte die Säulen allerdings auch mit einer Skyline assoziieren.
Diese könnte beispielsweise staatliche Institutionen darstellen, wessen Aufgabe es ist, von oben herab eine konnotierende Rolle zu übernehmen.
Betrachten wir nun den Vordergrund des Bildes. Bei diesem widmenwir uns vorerst den Menschen. Hier fällt wieder auf, dass es sich um sechs Personen handelt, also eine Verbindung zu den Säulen imHintergrund besteht. Eine Person greift nach einem Apfel an dem zentral positionierten Baum.
Diese soll die hilfsbedürftige Person darstellen. Wenn man die kompositorischen Linien betrachtet erkennt man, dass der rechte goldene Schnitt, welcher durch den Baum betont wird, durch die Ausgrenzung der Person ganz rechts verursacht wird. Der untere goldene Schnitt führt zur Ausgrenzung der oberen Person. Diese Tatsache soll darauf aufmerksam machen, dass eine soziale Ausgrenzung nicht mit der finanziellen Situation zusammen hängt beziehungsweise nicht davon abhängig sein muss. Der Untergrund, welcher auch als Fläche der Personen fungiert, ist mit Schwarz und Weiß gemalt. Dieses Stilmittel soll die eigentlich zu extreme Einteilung der Gesellschaft in arm und reich auffällig machen. Damit verbunden ist auch die Bildung eines unvollständigen Bildes der Gesellschaft, welches dementsprechend häufig falsch ist. Die rote Linie, von der alle Menschen durchzogen werden, zeigt einerseits, dass alle Menschen ähnlich, wenn nicht sogar gleich sind, wie auch vor dem Gesetz. Andererseits steht sie auch für einen roten Faden, der das Leben beziehungsweise die Entwicklung der Menschen und deren Persönlichkeit darstellen soll.
Der Baum im Bild hat ebenfalls mehrere Bedeutungen. Primär fällt jedoch auf, das Fragmente der Freiheitsstatue in ihn integriert sind. Dies soll ihn zu einem Baum der Freiheit machen. Die Freiheit, die also im Baum steckt, soll zeigen, dass es die Entscheidung eines jeden einzelnen ist auf Kosten dieses Baumes zu leben. Des Weiteren veranschaulicht er, dass jeder Mensch die Freiheit und das Recht hat zu Arbeiten und sein Leben individuell gestalten darf.
Der an dem Baum hängende Apfel weist wie auch die anderen Symbole auf die Vielschichtigkeit des Themenkomplexea Armcrt auf. Auffallend ist, dass der Apfel kein normaler Apfel, sondern das Firmenlogo des Konzerns AppleO ist. Dieses Logo soll die Konsumgesellschatl, in der wir leben, syrribolisieren. Der Apfel zeigt, dass das Streben nach materiellen Werten beispielsweise Werte von sozialer Kompetenz, wie sie im Bild dem Hilfebedürftigen gegeben wird, in den Hintergrund stellt. Aufgrund der Farbgebung kann man im Apfel auch den Apfel der Schöpfungsgeschichte erkennen, er bestätigt also die Sünde und somit den obigen Deutungsansatz. Ebenfalls kann man den Apfel auch einfach als ~ahrun~smktel, also essenzielles Gut sehen. Bei diesem Deutungsansatz kann der Baum mit seiner Funktion als Grundlage für den Apfel den Staat symbolisieren. Außerdem wird so die Wichtigkeit von sozialen Leistungen aufgezeigt.
Als weiteres Stilmittel sind in dem Bild die Farben Gold, Silber und Bronze verarbeitet. Diese Farben zeigen eine Klassifizierung in drei Stufen: Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht. Der Einsatz der Farben ist willkürlich beziehungsweise rein zweckgebunden gewählt worden. Damit wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Klassifizierung oberflächlich, also mit Willkühr gleichzusetzen ist.
Viele weitere sinnvolle Interpretationen sind möglich, hierdurch wird wiederum die Weite des Themas aufgezeigt. Außerdem trägt das Bild so auch sicherlich nicht zur Langweile bei!

 

Aus der Jurybegründung:

Der 4. Platz geht an eine Gruppe des Gymnasiums CJD Christophorusschule Königswinter. Dieser Wettbewerbsbeitrag besteht aus einem sehenswerten Bild und einem eindrucksvollen Textbeitrag. Wer zuerst das Bild auf sich wirken lässt, wird den Anblick genießen, vielleicht aber nicht unmittelbar den Bezug zum Thema „Armut und soziale Ausgrenzung“ herstellen können. Der dazugehörige Text hilft hierbei weiter. In diesem Text haben die Schülerinnen und Schüler anhand des Sozialpakts der Vereinten Nationen die rechtlichen Grundlagen der Thematik aufbereitet und beispielsweise auf den Unterschied zwischen absoluter und relativer Armut hingewiesen. Daneben erläutern sie, wie das Gemälde zu interpretieren sein kann. So versteht der Betrachter, dass weder die Anzahl der abgebildeten Personen (Jeder 6. ist in Deutschland von Armut bedroht) noch ihre Anordnung zufällig ist. Mit dem Stilmittel des sog. „goldenen Schnitts“ werden einzelne Personen ausgegrenzt, wobei zugleich darauf hingewiesen wird, dass Diskriminierung nicht allein auf wirtschaftlichen Gründen beruhen muss. Auch der Apfel im Bild kann unterschiedlich gesehen werden. Als Logo des Apple-Konzerns steht er für Konsum und Überfluss, als Nahrungsmittel symbolisiert er einen grundlegenden Aspekt absoluter Armut. Schließlich kann er zwanglos als Apfel der Schöpfungsgeschichte und damit als Aufruf zur Rückkehr zu grundlegenden Werten verstanden werden. Die vertiefe Auseinandersetzung mit der Thematik, der Bezug zu den rechtlichen Grundlagen und vor allem die beeindruckende Konzeption und Ausführung des Bildes sind besonders preiswürdig.